Station 6: “SOLIDARITÄT”

In 7 Stationen von der Krise in eine neue Normalität.

Franz Gosch & Andreas Gjecaj

Gelebte Solidarität, in der die Menschen in „gegenseitiger Verantwortung“ füreinander einstehen.

Der Satz: „Vor dem Virus sind alle gleich!“ ist schnell dahingesagt, meinte Prof. Paul M. Zulehner bei der „Weizer Pfingstvision“ um weiter auszuführen: „Vor dem Virus sind alle gleich. Aber das Virus trifft nicht alle gleich!“ Es trifft die Schwarzen in den USA mehr als die Weißen. Das reiche Österreich kann sich weit besser helfen, als das wirtschaftlich bedrängte Ecuador. Und der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un kann sich in seinen privaten Luxuszug setzen und in einen geschützten Badeort fahren. Aber zusammengepferchte Menschen in Flüchtlingslagern haben diese Möglichkeiten nicht. Das Corona-Virus deckt unverblümt herrschende Ungerechtigkeiten in dieser „Einen Welt“ auf.

Hier ist Solidarität gefordert, als eine persönliche Haltung mit universaler Reichweite und zugleich als Strukturprinzip der Gesellschaft, in der Menschen in „gegenseitiger Verantwortung“ füreinander einstehen. Solidarität, die ermutigt, sich für jene einzusetzen, die das Virus mehr als andere trifft. Angesichts der Tatsache, dass wir durch die Globalisierung längst schon zu Nachbarn geworden sind, ohne miteinander bekannt zu sein und Verantwortung füreinander zu übernehmen, ist dieses Verständnis von Solidarität keine sozialromantische Option, sondern eine alternativlose Überlebensstrategie. Oder sollte sich die weltweite Vernetzung wirklich nur auf „Youtube und Youporn“ beschränken?

Solidarität schließt das entschiedene Interesse und das wirksame Engagement für das Leben und das Wohlergehen anderer Menschen ein. Sie steht für Gerechtigkeit, die Frieden schafft. Im Psalm 85 heißt es: „Gerechtigkeit und Friede küssen sich!“ Ein Dauerauftrag für uns und für alle Politiker/innen: An Stelle von „Sonntagsreden“, ganz konkrete Schritte zu setzen, die für mehr Gerechtigkeit sorgen – nur so kann Solidarität wachsen. In einer „neuen Normalität“ müssen wir die Corona-Infektion hinter uns lassen, um uns von einer „Pandemie der Solidarität“ anstecken zu lassen, wie es Prof. Zulehner fordert. Damit ist nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung über das viele Leid gemeint, sondern eine feste und beständige Entschlossenheit, eine Haltung. In seinem neuesten Buch schreibt Matthias Strolz: „Die letzte Freiheit, die uns immer bleibt, ist die Haltung, die wir zu den Umständen einnehmen.“

Franz Gosch ist FCG-Landesvorsitzender Steiermark & GPA-Bundesgeschäftsführer
Andreas Gjecaj ist FCG-Generalsekretär, ÖGB-Sekretär und Redakteur des „Vorrang Mensch“-Teams